Aktion kritischer Schüler_innen Vorarlberg


Gesamtschule jetzt!

20. Oktober 2014

von Maximilian Blaßnig

Die Klausur der Bundesregierung – als Ende der politischen Sommerpause. Eine schwarz-grüne Koalition – als Ergebnis der Landtagswahl in Vorarlberg. Und die Initiative „Pro Gymnasium“ – warum? Das weiß ich nicht genau.

Auf jeden Fall ist die Diskussion um die Gesamtschule wieder da. Denn im Sechs-Punkte-Programm zur Bildungspolitik auf Bundesebene fehlt eben diese Forderung, aber genau dadurch wird sie erneut zum Thema. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek meint, dass sie trotzdem noch lange nicht aufgegeben hat, denn: „Aufgeben tut man einen Brief.“ Die neue Koalition in Vorarlberg will einen Schulversuch zur gemeinsamen Schule der 10- bis 14-jährigen starten, hat den Umfang dieses Projektes aber noch nicht festgelegt; die Gegner_innen bekommen es jedoch schon mit der Angst zu tun und versuchen Negativ-Stimmung zu machen: Sie haben die Initiative „Pro Gymnasium“ ins Leben gerufen.

www.progymnasium.at – das Erste, was auf dieser Homepage auffällt, ist die Karikatur, die angeblich darstellen soll, worum es sich bei der Idee Gesamtschule handelt. Jedoch geht diese Grafik überhaupt nicht auf das ein, was in Gesamtschul-Modellen tatsächlich gefordert wird, sondern spielt einzig und allein mit billigen und populistischen „Einheitsbrei-Parolen“. Dass es bei einer gemeinsamen Schule in Wirklichkeit aber nicht darum geht, alle Kinder einfach in einen Topf (oder eine Kiste) zu werfen, verschweigt diese Initiative gerne. Ich halte das irgendwie für absurd, da doch gerade der erste von acht Forderungs-Punkten von „Pro Gymnasium“ eine Versachlichung der Bildungsdebatte ist: „Aufhebung der Blockade einer sachlichen Bildungsdebatte durch Beendigung der Gesamtschuldiskussion“.

Die momentane Debatte bringe keinen Nutzen für die Schüler_innen, heißt es auf dieser Homepage – und das stimmt. Denn die momentane Debatte ist ziemlich festgefahren. Doch ich bin der Meinung, dass der Grund dafür genau diese Art von Bildern und Panikmache sind, denn die tragen nichts dazu bei, in der Diskussion voran zu kommen; dadurch gelingt es nur sehr leicht, eine weitere Argumentation zu verhindern und so jeden Fortschritt zu blockieren.

Weiter heißt es, dass die Debatte „zur Diffamierung des ursprünglich guten Images aller Bildungseinrichtungen beigetragen hat.“ Das kann ich nicht verstehen. Es ist doch nicht eine Diskussion, die das Image der Bildungseinrichtungen beschädigt, sondern ganz einfach der Zustand unseres Schulsystems.

„(…) das (österreichische) Schulsystem (ist) durch ein hohes Ausmass an Chancenungleichheit gekennzeichnet (…). In Zahlen heisst das etwa, dass nur 5 % der Kinder von Eltern, die lediglich die Pflichtschule abgeschlossen haben, zu einem Universitätsabschluss kommen. Bei Kindern von Akademikern sind es dagegen 53 %. Der Bildungsbericht hält fest, (…), dass beinahe von Bildungsvererbung gesprochen werden könne.“

Quelle: http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/die-macht-der-herkunft-1.18115797 – Stand 18.10.2014

Es tut mir für alle leid, die die Forderungspunkte von „Pro Gymnasium“ ausgearbeitet haben – aber die oben genannten Zahlen sind Fakten. Wir sollten uns nicht vor diesen verstecken und unser Schulsystem schönreden, sondern der Wahrheit ins Gesicht sehen und versuchen, eine positive Veränderung herbeizuführen. Alles so zu belassen, wie es immer schon war, ist der falsche Weg.

Die Initiative fordert den „Erhalt des achtjährigen Gymnasiums“, denn dadurch könne Vielfalt garantiert werden und es gäbe eine Wahlmöglichkeit für Eltern. Meiner Meinung nach fördert gerade die Gesamtschule die Vielfalt: Kinder und Jugendliche unterschiedlicher sozialer Herkunft verbringen dann gemeinsam einen großen Teil ihres Alltags miteinander. Kinder und Jugendliche mit verschiedenen Stärken und Schwächen können so voneinander lernen. Mehr Vielfalt ist eigentlich nicht möglich. Und zum Punkt „Wahlmöglichkeit für Eltern“: Die Trennung mit zehn Jahren in verschiedene Schultypen ist zu einem großen Teil auch eine Zukunftsentscheidung (denn unser Bildungssystem weist eine sehr geringe Durchlässigkeit auf; das gibt ja auch „Pro Gymnasium“ im vierten Forderungspunkt indirekt zu). Eine Wahlmöglichkeit für Eltern muss es daher gar nicht geben, denn Kinder sollten selbst über ihre Zukunft entscheiden; mit zehn Jahren sind sie möglicherweise zu jung dazu, mit 14, 15 oder 16 Jahren aber bestimmt nicht mehr. Außerdem entscheiden im derzeitigen selektiven Schulsystem auch viele Eltern nicht selbst, sondern – wie der bereits oben zitierte Bildungsbericht aufzeigt – der sogenannte sozioökonomische Status: „Die Macht der Herkunft“.

Ein weiterweiterer „Pro Gymnasium“-Forderungspunkt: „Mehr Wertschätzung gegenüber der beruflichen Bildung und den Lehr- (Handwerks-)berufen.“ Das hat jedoch überhaupt nichts mit der Frage rund um ein achtjähriges Gymnasium oder eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-jährigen zu tun. Denn die berufliche Bildung und die Lehrausbildung starten doch frühestens mit 15 Jahren. Ich bin genauso der Meinung, dass die Wertschätzung für Lehr- und Handwerksberufe steigen sollte (und auch die Rahmenbedingungen für diese Ausbildung). Aber das ist ein anderes Thema. Noch einige weitere Forderungspunkte von „Pro Gymnasium“ sprechen ganz andere Probleme im Bildungssystem an, aber ignorieren dafür das Problem der sozialen Selektion und gehen auch nicht auf das Argument mehrerer Entwicklungsforscher_innen ein, dass mit zehn Jahren noch nicht abschätzbar ist, welcher Bildungsweg für ein Kind der beste ist. Insgesamt wirkt es so, als wäre die Initiative vor allem an Stimmungsmache, und nicht an einer sachlichen Diskussion interessiert.

Die Unterzeichner_innen sind in erster Linie Akademiker_innen, also vor allem diejenigen, deren Kinder am ehesten von der „Bildungsvererbung“ profitieren. Wenn Die Zeit also in einem Artikel zur Gesamtschule schon vor dreißig Jahren von einem „Klassenkampf von oben“ schrieb, dann scheint sie leider Recht gehabt zu haben. Diesen Egoismus kann und will ich nicht verstehen. Deswegen habe ich mir die Zeit dafür genommen, diesen Text zu schreiben, auch wenn ich hier in Jerusalem eigentlich 2500 Kilometer von Österreich und den aktuellen Bildungsdiskussionen entfernt bin. Unsere Schule schafft es nicht, Ungleichheiten aufzubrechen und ihnen entgegenzuwirken. Vielmehr zementiert sie sie ein und gibt sie von einer Generation an die nächste weiter.

Der Standard veröffentlichte letzte Woche eine von der Wirtschaftskammer beauftragte Studie, die aufzeigt, dass die Vererbung von Bildungschancen nicht auf null gedreht, aber durch eine Gesamtschule auf jeden Fall verringert werden könne. Die gemeinsame Schule ist meiner Meinung nach einer von vielen Schritten; auch eine flächendeckende verschränkte Ganztagsschule sollte kommen, Frontalunterricht müsste endlich der Vergangenheit angehören, Ziffernnoten sollten abgeschafft werden und unsere Schulen müssen durch ein größeres Mitspracherecht für Schüler_innen endlich mehr Demokratie wagen. Bestimmt ist das ein langer Weg, doch irgendwann müssen wir damit anfangen. Von der Bundesregierung erwarte ich mir momentan eher wenig, die Pläne der neuen Koalition in Vorarlberg klingen spannender, aber auch da muss man kritisch die Umsetzung abwarten. Die Blockade in der Diskussion muss endlich gelöst werden – jedoch ist es der falsche Ansatz, eine Reformidee aus der gesamten Debatte einfach auszuschließen und als gescheitert abzustempeln.

 

Maximilian Blaßnig war im Schuljahr 2013/2014 AHS-Landesschulsprecher in Vorarlberg und im selben Jahr im Vorsitzteam der Aktion kritischer Schüler_innen Vorarlberg. 2012/2013 war er Schulsprecher am BG Dornbirn, wo er im Juli 2014 maturierte. Derzeit absolviert er einen Auslandszivildienst in Jerusalem.